Am 6. Mai ist Berufungstag – ein evangelischer Aktionstag, der seit 1961 dazu einlädt, innezuhalten und die eigene Berufung im Leben zu hinterfragen. Was treibt uns an? Wozu sind wir da? Diese Fragen stellt der Berufungstag in den Mittelpunkt – nicht nur für Gläubige, sondern für jeden Menschen, der nach Sinn und Orientierung sucht.
Was ist der Berufungstag?
Der Berufungstag wurde 1961 von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ins Leben gerufen. Er wird seither jährlich am 6. Mai begangen und richtet sich an Menschen aller Altersgruppen und Lebenssituationen. Im Mittelpunkt steht der theologische Begriff der Berufung – also die Überzeugung, dass jeder Mensch von Gott zu einem bestimmten Zweck ins Leben gerufen wurde.
Dabei geht es nicht ausschließlich um den beruflichen Werdegang. Berufung meint im christlichen Verständnis die Gesamtheit des Lebens: die Fähigkeiten, die man mitbringt, die Aufgaben, die man übernimmt, und die Beziehungen, die man gestaltet. Der Berufungstag lädt dazu ein, diesen tieferen Sinn des eigenen Lebens zu erkunden.
Berufung – ein Begriff mit langer Geschichte
Das Konzept der Berufung hat tiefe Wurzeln im christlichen Denken. Bereits im Alten Testament werden Figuren wie Mose oder die Propheten von Gott „berufen“ – sie erhalten einen Auftrag, dem sie folgen sollen. Im Neuen Testament setzt sich dieses Motiv fort: Jesus ruft seine Jünger mit den Worten „Folge mir nach“ und verdeutlicht damit, dass Berufung nicht nur eine innere Stimme ist, sondern auch ein aktives Ja zur Nachfolge bedeutet.
Der Reformator Martin Luther erweiterte das Verständnis von Berufung entscheidend: Er löste den Begriff aus dem rein monastischen Kontext (in dem „Berufung“ lange Zeit nur Mönchen und Priestern vorbehalten war) und übertrug ihn auf alle Stände und Berufe. Damit wurde Berufung demokratisiert – auch der Bauer, der Handwerker und die Mutter galten fortan als von Gott in ihrem Stand berufen.
Was bedeutet Berufung heute?
In einer modernen, säkularisierten Gesellschaft hat der Begriff der Berufung eine neue Dimension gewonnen. Viele Menschen sprechen von ihrer „Berufung“, ohne damit eine religiöse Aussage zu verbinden – sie meinen damit eine tiefe innere Überzeugung, dass sie für eine bestimmte Aufgabe gemacht sind. Dieses Gefühl kann im Beruf, in der Kunst, in der Pflege anderer oder im sozialen Engagement entstehen.
Psychologisch betrachtet ist Berufung eng mit Konzepten wie Sinnhaftigkeit, Selbstwirksamkeit und Flow verbunden. Menschen, die ihre Arbeit als Berufung erleben, berichten häufig von höherer Lebenszufriedenheit, mehr Ausdauer in schwierigen Phasen und einem stärkeren Gefühl von Identität. Insofern ist der Berufungstag auch ein Anlass, sich mit der eigenen Motivation und dem persönlichen Lebensweg auseinanderzusetzen.
Ziele und Aktivitäten am Berufungstag
Der Berufungstag soll nicht nur ein Datum im Kirchenkalender sein, sondern konkrete Impulse geben. Zu den typischen Aktivitäten rund um den 6. Mai gehören:
- Gottesdienste und Andachten, die das Thema Berufung in den Mittelpunkt stellen
- Workshops und Gesprächsrunden in Gemeinden, Schulen und Bildungseinrichtungen
- Beratungsangebote für Menschen, die sich in einer Lebens- oder Berufsorientierungsphase befinden
- Persönliche Reflexion: Viele nutzen den Tag, um innezuhalten und über die eigene Berufung nachzudenken
- Austausch in sozialen Medien unter dem Hashtag #Berufungstag
Interessante Fakten zum Berufungstag
- Der Begriff „Berufung“ leitet sich vom althochdeutschen beruofan ab und bedeutet ursprünglich „herbeirufen“.
- Im lateinischen Kirchenvokabular entspricht der Begriff der vocatio – davon leitet sich auch das englische Wort vocation (Beruf, Berufung) ab.
- Laut Studien erleben nur etwa 20–30 % der Arbeitnehmer ihre Arbeit als echte Berufung – was zeigt, wie relevant das Thema gesellschaftlich ist.
- Die EKD veröffentlicht zum Berufungstag regelmäßig Materialien für Gemeinden, Schulen und Einzelpersonen.
Den Berufungstag selbst begehen
Du musst nicht Mitglied einer Kirchengemeinde sein, um den Berufungstag sinnvoll zu nutzen. Schon ein paar Minuten der Stille und Selbstreflexion können wertvoll sein. Fragen wie „Was gibt mir wirklich Energie?“, „Wofür würde ich auf Belohnung verzichten?“ oder „Was würde ich tun, wenn Geld keine Rolle spielte?“ können helfen, der eigenen Berufung auf die Spur zu kommen.
Wer tiefer in das Thema eintauchen möchte, findet bei der EKD, in Beratungsstellen oder über spirituelle Begleitung vielfältige Unterstützung. Der Berufungstag am 6. Mai ist ein jährlicher Impuls, sich dieser wichtigen Frage zuzuwenden – und das lohnt sich für jeden.