Weltweit sind nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation mehr als 230 Millionen Mädchen und Frauen von weiblicher Genitalverstümmelung betroffen. Der Internationale Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung am 6. Februar rückt dieses Thema jedes Jahr in den Fokus der globalen Öffentlichkeit – und fordert Regierungen, Organisationen und Einzelpersonen zum Handeln auf.
Was ist weibliche Genitalverstümmelung?
Weibliche Genitalverstümmelung – international bekannt unter dem englischen Begriff Female Genital Mutilation, kurz FGM – bezeichnet alle Eingriffe, bei denen die äußeren weiblichen Genitalien teilweise oder vollständig entfernt oder auf andere Weise verletzt werden. Medizinisch notwendig sind diese Eingriffe nie. Sie verletzen das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit und gelten weltweit als schwere Menschenrechtsverletzung.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) unterscheidet vier Typen der Genitalverstümmelung. Typ I beschreibt die teilweise oder vollständige Entfernung der Klitoris. Der Typ II umfasst zusätzlich die Entfernung der inneren Schamlippen. Und Typ III – auch als Infibulation bekannt – ist die schwerste Form: Dabei wird der Scheideneingang durch Vernähen oder Verschließen verengt. Typ IV fasst alle anderen schädlichen Eingriffe zusammen, etwa Einritzen oder Durchstechen.
Geschichte und Hintergrund des Aktionstages
Der Internationale Tag gegen weibliche Genitalverstümmelung geht auf eine Initiative des Inter-African Committee on Traditional Practices Affecting the Health of Women and Children (IAC) zurück. Das Komitee rief den Aktionstag im Jahr 2003 ins Leben. Seit 2012 unterstützt die Generalversammlung der Vereinten Nationen diesen Tag offiziell mit einer eigenen Resolution. Ziel ist es, weltweite Aufmerksamkeit zu erzeugen und gemeinsame Anstrengungen zur Beendigung von FGM zu bündeln.
UNICEF, UN Women, die WHO und zahlreiche weitere internationale Organisationen beteiligen sich seitdem an Kampagnen, Konferenzen und Bildungsprogrammen rund um den 6. Februar. Der Tag ist fester Bestandteil des internationalen Menschenrechtskalenders geworden.
Verbreitung: Wo wird FGM praktiziert?
FGM ist kein auf eine einzige Region beschränktes Phänomen. Die Praxis ist vor allem in über 30 Ländern Afrikas, im Nahen Osten sowie in einigen Teilen Asiens verbreitet. Besonders hohe Prävalenzraten verzeichnen Länder wie Somalia, Guinea, Dschibuti, Mali und Sierra Leone. Durch Migration sind Betroffene und gefährdete Mädchen jedoch auch in Europa, Nordamerika und Australien zu finden.
In Deutschland schätzen Fachorganisationen die Zahl der betroffenen Frauen und Mädchen auf über 100.000. Hinzu kommt eine erhebliche Dunkelziffer. Viele Betroffene sprechen nicht über ihre Erfahrungen – aus Scham, Angst oder fehlenden Anlaufstellen.
Gesundheitliche Folgen für Betroffene
Die körperlichen Folgen von FGM sind gravierend und oft dauerhaft. Unmittelbar nach dem Eingriff drohen starke Blutungen, Schock, Infektionen und – in schlimmsten Fällen – der Tod. Langfristig leiden viele Betroffene unter chronischen Schmerzen, wiederkehrenden Harnwegsinfektionen, Narbenbildung und Komplikationen bei der Geburt. Frauen mit Typ-III-Verstümmelung tragen ein besonders hohes Risiko für lebensbedrohliche Geburtskomplikationen.
Neben den körperlichen Schäden hinterlässt FGM tiefe seelische Wunden. Posttraumatische Belastungsstörungen, Depressionen und Angststörungen gehören zu den häufig dokumentierten psychischen Folgen. Viele Betroffene benötigen langfristige psychologische Unterstützung.
Rechtliche Situation in Deutschland
In Deutschland ist weibliche Genitalverstümmelung seit 2013 ausdrücklich als eigenständiger Straftatbestand im Strafgesetzbuch verankert (§ 226a StGB). Die Strafandrohung beträgt mindestens ein Jahr Freiheitsstrafe. Bei besonders schweren Fällen sind bis zu 15 Jahre möglich. Außerdem gilt das Auslandsstrafrecht: Deutsche Staatsangehörige oder in Deutschland lebende Personen können auch dann verfolgt werden, wenn der Eingriff im Ausland vorgenommen wurde. Das schützt Mädchen vor sogenannten „Beschneidungsreisen“.
Was kann jeder Einzelne tun?
Aufklärung ist das wirksamste Werkzeug im Kampf gegen FGM. Wer Informationen teilt, Betroffene nicht stigmatisiert und offen über das Thema spricht, trägt aktiv dazu bei, gesellschaftliche Tabus zu brechen. Unterstützung für Hilfsorganisationen – sei es durch Spenden, Ehrenamt oder die Verbreitung von Informationen – macht einen konkreten Unterschied.
In Deutschland bieten Organisationen wie TERRE DES FEMMES oder das Netzwerk Gemeinsam gegen Frauengenitalverstümmelung (NEIN zu FGM) Beratung, Unterstützung und Präventionsarbeit an. Medizinisches und pädagogisches Fachpersonal kann sich gezielt fortbilden, um gefährdete Mädchen frühzeitig zu erkennen und zu schützen.
Fazit: Ein Tag, der zum Handeln aufruft
Der 6. Februar ist mehr als ein Datum im Kalender. Er steht für das weltweite Bekenntnis, eine der schlimmsten Formen geschlechtsspezifischer Gewalt zu beenden. FGM verletzt Grundrechte, zerstört Gesundheit und raubt Mädchen ihre Zukunft. Bildung, Gesetzgebung und internationale Zusammenarbeit sind die Säulen, auf denen der Fortschritt ruht – doch der gesellschaftliche Wandel beginnt im Gespräch.