Landfrauen ernähren die Welt – und werden dabei systematisch übersehen. Der Landfrauentag am 15. Oktober setzt diesem Missverhältnis jedes Jahr ein öffentliches Zeichen. Er richtet den Blick auf die Frauen, die in ländlichen Regionen rund um den Globus Landwirtschaft, Familie und Gemeinschaft tragen.
Was ist der Landfrauentag?
Der offizielle Name lautet Internationaler Tag der Frauen in ländlichen Gebieten. Die Idee dazu entstand bereits 1995 auf der Vierten Weltfrauenkonferenz in Peking. Dort schlug die Women’s World Summit Foundation (WWSF) vor, den 15. Oktober – den Vorabend des Welternährungstags – als Ehrentag für Landfrauen zu begehen. Mehr als eine Dekade lang feierten Organisationen diesen Tag inoffiziell. Dann handelte die Weltgemeinschaft: Die UN-Generalversammlung verankerte den Aktionstag mit Resolution 62/136 vom 18. Dezember 2007 offiziell im UN-Kalender. Der erste offizielle Landfrauentag fand daraufhin am 15. Oktober 2008 statt.
Die Nähe zum Welternährungstag am 16. Oktober ist dabei kein Zufall. Landfrauen sichern die Nahrungsversorgung für Milliarden Menschen. Ihre Arbeit und globale Ernährungssicherheit hängen unmittelbar zusammen.
Warum braucht es diesen Aktionstag?
Landfrauen leisten Außerordentliches – und erhalten dafür wenig Anerkennung. Sie stellen rund 22 Prozent der Weltbevölkerung und tragen etwa 40 Prozent der landwirtschaftlichen Arbeit weltweit. Trotzdem gehören ihnen nur rund 15 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzflächen. Diese Lücke zwischen Beitrag und Besitz ist das zentrale Problem, das der Landfrauentag sichtbar machen will.
Zudem haben viele Landfrauen schlechteren Zugang zu Bildung, Gesundheitsversorgung, Krediten und sozialer Absicherung als Frauen in Städten. In Teilen Afrikas und Asiens liegt ihr Anteil an der landwirtschaftlichen Belegschaft sogar über 50 Prozent – bei gleichzeitig deutlich geringerem Einkommen und weniger Entscheidungsmacht.
Zahlen der FAO belegen das Potenzial, das hier brachliegt: Hätten Landfrauen denselben Zugang zu Ressourcen wie Männer, könnten Ernteerträge um 20 bis 30 Prozent steigen. Das würde ausreichen, um 100 bis 150 Millionen Menschen zusätzlich zu ernähren. Dennoch bleiben strukturelle Hürden in vielen Ländern bestehen.
Ziele des Internationalen Tags der Frauen in ländlichen Gebieten
Der Landfrauentag verfolgt drei übergeordnete Ziele. Erstens will er das öffentliche Bewusstsein für die Leistungen von Landfrauen stärken. Zweitens erzeugt er politischen Druck, damit Regierungen gezielte Förderprogramme entwickeln. Drittens fördert er die gleichberechtigte Teilhabe von Landfrauen an wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entscheidungen.
Konkret fordern UN Women, die FAO und weitere UN-Organisationen: gleiche Landrechte, fairen Zugang zu Finanzdienstleistungen sowie politische Repräsentation auf lokaler und nationaler Ebene. Das Joint Programme on Rural Women Economic Empowerment (JP RWEE) unterstützt Frauen in mehreren Ländern mit Trainings, Mikrokrediten und Netzwerken. Dahinter stehen UN-Organisationen wie FAO, IFAD, WFP und UN Women gemeinsam.
Landfrauen und der Klimawandel
Landfrauen stehen an vorderster Front des Klimawandels. Sie erleben Dürren, Überschwemmungen und Ernteausfälle direkt vor Ort. Gleichzeitig entwickeln viele von ihnen konkrete Antworten: klimaresistente Saatgutarten, ressourcenschonende Anbaumethoden und gemeinschaftliche Aufforstungsprojekte. Indigene Landfrauen bringen dabei überliefertes Wissen ein, das für den Schutz von Biodiversität und Ökosystemen unschätzbar wertvoll ist.
Deshalb betont die UN ausdrücklich nicht nur die wirtschaftliche, sondern auch die ökologische Rolle von Landfrauen. Sie sind zentrale Akteurinnen für eine nachhaltige Ernährungswende – sowohl lokal als auch global.
Wie kann man den Landfrauentag begehen?
Engagement muss nicht groß sein, um zu wirken. Schon kleine Handlungen können zur Sichtbarkeit von Landfrauen beitragen:
- Informiere dich über die Lebenssituation von Landfrauen in verschiedenen Regionen der Welt – etwa über die Webseiten von UN Women oder der FAO.
- Unterstütze Organisationen wie die WWSF oder lokale Landfrauenverbände durch Spenden oder ehrenamtliche Mitarbeit.
- Teile Beiträge zum Thema in sozialen Netzwerken und nutze den Hashtag #RuralWomensDay.
- Kaufe fair gehandelte Produkte aus der Landwirtschaft, die Erzeugerinnen in ärmeren Ländern direkt zugutekommen.
Der Landfrauentag in Deutschland
Auch hierzulande hat der Begriff Landfrauentag eine konkrete Bedeutung. Der Deutsche LandFrauenverband (dlv) ist eine der größten Frauenorganisationen Deutschlands. Er vertritt die Interessen von Frauen im ländlichen Raum und organisiert Veranstaltungen, Schulungen und politische Aktionen – oft auch rund um den 15. Oktober. Regionale Landfrauenverbände in allen Bundesländern begleiten diesen Aktionstag mit eigenen Programmen.
Somit verbindet der Aktionstag zwei Ebenen: die globale UN-Initiative für Frauen in ländlichen Gebieten weltweit und die konkrete Verbandsarbeit nationaler Organisationen wie dem dlv. Beide verfolgen dasselbe Ziel: Landfrauen stärker in Gesellschaft und Politik zu verankern.
Sichtbarkeit ist der erste Schritt
Der Landfrauentag am 15. Oktober ist mehr als ein symbolisches Datum. Er erinnert daran, dass globale Ernährungssicherheit, Klimaschutz und Geschlechtergerechtigkeit untrennbar miteinander verbunden sind. Landfrauen leisten täglich Enormes – weltweit und in Deutschland. Mehr Sichtbarkeit, bessere Ressourcen und gleiche Rechte sind deshalb keine Forderungen von gestern, sondern eine Grundvoraussetzung für eine gerechte und nachhaltige Zukunft.